Leseprobe aus "Gleißender Tod"


Lagos, Nigeria - Sonntag, 6. September

 

 

 

Drei Tage! Drei verfluchte Tage waren seit dem Überfall vergangen, dachte Steven Huntington zähneknirschend, und der zerschossene Range Rover stand immer noch am Rand des Expressway 1 von Lagos nach Ibadan. Fast die Hälfte der verlorenen Zeit hatte es gedauert, um in diesem von allen guten Geistern verlassenen Land einen Abschleppwagen zu organisieren, der jetzt mit qualmendem Auspuff und aufgeregt zuckenden gelben Lichtern neben ihm stand.

 

Nun aber sollte der Rover, beziehungsweise das, was noch von ihm übrig war, endlich auf das umzäunte und bewachte Gelände der Firma geschafft werden. Der Ort des Überfalls befand sich nur etwa zwei Kilometer nordöstlich der Kreuzung des E1 mit der A1. Nicht weit von dem Punkt, wo die vierspurige und miserabel in Stand gehaltene Autobahn begann, sich durch Wald zu kämpfen. Durch diesen so irrwitzig schnell wachsenden Urwald, der unablässig und mit gieriger Verbissenheit versuchte, von dem ihm so mühsam entrungenen Terrain wieder Besitz zu ergreifen.

 

Der Rover war dunkelblau, stand quer zur Fahrtrichtung und mit der Vorderachse in einem Wassergraben, der die Fahrbahn vom Dickicht trennte. Auf der durchlöcherten Fahrertür war in goldenen Buchstaben der Name der Firma zu lesen: Euro Mining SA, Lagos, Nigeria. Es stank nicht nur nach den Dieselabgasen des rostigen Abschleppwagens, sondern auch nach denen der schweren Lkws, die unentwegt an Huntington vorbeidonnerten und seine Hosenbeine zum Flattern brachten. Es stank nach Fäulnis, nach sumpfigem Morast und Verwesung, als würde irgendwo in der Nähe ein totes Tier liegen. Oder die Leiche eines Menschen. Auf der Betonpiste des Expressway dampften noch große Pfützen vom letzten Regenguss, der vor einer halben Stunde so schnell geendet hatte, wie er losgebrochen war. Inzwischen brannte längst wieder diese unbarmherzige Sonne vom grellweißen Himmel herab.

 

Sechster September. Sonntag. Noch immer war Regenzeit. Nach deren Ende würde es jedoch keineswegs besser werden, sondern nur anders. Dann begann der Harmattan, dieser wüstentrockene, sandgesättigte Nordwind aus der Sahara, der einem die Poren, die Lungen und die Nerven verklebte und die Menschen wahnsinnig machte, wenn sie es nicht ohnehin schon waren.

 

Trotz der mörderischen Hitze und atemberaubenden Luftfeuchtigkeit trug Huntington einen seiner edlen Anzüge aus Kammgarnwolle, die er sich regelmäßig von Anderson & Sheppard schicken ließ, seinem Schneider in der Londoner Savile Row, dem er nun schon seit bald zwanzig Jahren die Treue hielt. Nur selten hatte eines der dort notierten Körpermaße geändert werden müssen. Trotz seiner einundvierzig Jahre war der in Liverpool geborene Engländer immer noch schlank und durchtrainiert. Trotz der menschenunwürdigen Umgebung, in der er seit Jahren lebte, ging er niemals unrasiert oder nachlässig gekleidet aus dem Haus. Und ohne sich zuvor zwei Tropfen Oud & Bergamot von Jo Malone an den Hals getupft zu haben.

 

Das räderlose Heck des Rover ragte albern in die Luft. Und der Wagen sah tatsächlich noch deprimierender aus als gestern Vormittag, als Huntington ihn zum ersten Mal besichtigt hatte. Auch gestern war er schon von Schüssen durchsiebt, der Innenraum voller Blut, ansonsten jedoch noch weitgehend komplett gewesen. Jetzt fehlten nicht nur Scheinwerfer und Rücklichter, sondern auch die Spiegel, Scheibenwischer, alle vier Räder, sogar die Motorhaube, einfach alles, was sich ohne größere Mühe demontieren und auf dem schwarzen Ersatzteilmarkt des Molochs Lagos zu Geld machen ließ.

 

Was ebenfalls fehlte, waren die beiden Schwarzen, die das Fahrzeug bewachen sollten, bis er eine Transportmöglichkeit organisiert hatte. Vermutlich hatten die Schlitzohren sich ausgerechnet, dass sich mit dem Verhökern der Fahrzeugteile erheblich mehr verdienen ließ als die zwanzig Dollar, die Huntington ihnen pro Tag und Nase versprochen hatte.

 

Der andere Rover, die Vorhut des kleinen Konvois, in welchem die vier Security-Männer gesessen hatten, war seit der Schießerei spurlos verschwunden. In dem Wagen, vor dessen kläglichen Resten er jetzt stand, hatten Benoît Ducasse und Marc van Heese gesessen sowie ihr einheimischer Fahrer Henry. Nicht nur der Fahrersitz, auch die Rückbank war blutgetränkt.

 

Die vier mit G3-Gewehren von Heckler & Koch bewaffneten Beschützer, auch sie Schwarze, hatten es wahrscheinlich vorgezogen zu türmen, als die Knallerei losging. Benoît selbst, einer von Huntingtons Untergebenen, hatte die vier Halunken angeheuert. Für zwei Tage. Einen Tag Hinfahrt, Übernachtung in Shagamu, am zweiten Tag Rückfahrt ohne die kostbare Fracht. Aber dann war die Fahrt nach kaum mehr als einer Stunde schon zu Ende gewesen.

 

Auch die Leiche des Fahrers Henry, die gestern noch im Wagen gelegen hatte, war inzwischen verschwunden, vermutlich von seiner Verwandtschaft fortgeschafft, um sie entsprechend Gott weiß welchem Vodun-Ritus zu bestatten. Und selbstverständlich war auch der Aktenkoffer aus hellem Kalbsleder nicht mehr da, dessen Inhalt den Anlass dieser so rasch wie katastrophal geendeten Fahrt bildete. Am linken der beiden Plätze, auf denen Huntingtons Kollegen Benoît und Marc gesessen hatten, war deutlich mehr Blut zu sehen als am rechten. Wer wo gesessen hatte, war Huntington nicht bekannt.

 

»Fuck me sideways!«, fluchte er ganz entgegen seinen britischen Gewohnheiten lauthals und trat mit Schwung gegen den linken hinteren Kotflügel des schweren Wagens.

 

Jedem der wenigen Menschen, die davon wussten, war klar gewesen, dass der Transport so wertvoller Fracht per Auto durch den nigerianischen Busch nicht ungefährlich war. Deshalb ja auch die vier sogenannten Beschützer im ersten Rover. Überall am Expressway lauerten Wegelagerer, Gelegenheitsganoven, die auf ihre Chance hofften, auf den großen Fang, der in diesem Fall ja nun leider geglückt war.

 

Je weiter man nach Osten fuhr, tiefer in den Busch hinein, desto schlimmer wurde es. Dies war der Grund für eine eiserne Regel, an die sich jeder Trucker hielt, der auf dem Expressway unterwegs war und an seinem Leben hing: Niemals anhalten! Gleichgültig, ob eine Ziegenherde sich auf der Straße tummelte oder spielende Kinder oder zehn um Liebe bettelnde nackte Frauen – niemals, niemals auf offener Strecke anhalten.

 

»What a bloody fucking shit!«, fluchte er wieder. Dieses Mal trat er jedoch nicht gegen den Kotflügel, da sein rechter Fuß noch vom ersten Mal schmerzte.

 

Nach einem Blick auf seine Armbanduhr von Maurice Lacroix gab er dem Fahrer des schrottreifen Abschleppwagens, der die ganze Zeit neben ihm gestanden und seinen Wutausbruch interessiert beobachtet hatte, seine Anweisungen. Er zeigte dem nur gebrochen Englisch sprechenden Halbidioten die Stelle, an der er das Zugseil befestigen konnte. Halb vier war schon vorbei. Zeit, endlich wieder in seinen geliebten und gut klimatisierten Jaguar XJ 12 zu steigen und in die Stadt zurückzukehren. Der nächste schwer beladene Sattelschlepper donnerte fast auf Tuchfühlung an Huntington vorbei in Richtung Zentralnigeria, und in diesem Moment begann die Schießerei.

 

Ohne eine Sekunde nachzudenken oder auf seinen teuren Anzug zu achten, warf er sich auf die staubige Straße, zückte im Fallen seine Walther PPK, entsicherte sie, während er sich unter das Heck des zerstörten Wagens rollte, in dem vielleicht vor drei Tagen zwei seiner Kollegen gestorben waren. Dummerweise hatte er keinen Schimmer, woher die Schüsse gekommen waren, wer sie abgegeben haben könnte, wohin er zielen sollte. Was er wusste, weil es offensichtlich war: den Fahrer des Abschleppwagens hatte es erwischt. Der lag wenige Schritte von ihm entfernt am Boden und regte sich nicht mehr.

 

Ein Diesel brülllte auf.

 

 

Flug LH 569 von Lagos nach Frankfurt am Main

 

 

Der Typ neben mir, der mich anstarrt, als wäre ich ein ekliges Insekt, schläft fast sofort wieder ein. Beneidenswert, wenn man in jeder Lebenslage schlafen kann.

 

Immerhin habe ich so Gelegenheit, meine Klamotten wieder auf Vordermann zu bringen. Am liebsten würde ich ja in etwas Sauberes schlüpfen, aber da komme ich jetzt natürlich nicht ran. Außerdem sieht man schon kaum mehr was von den hässlichen Flecken. Wäre wirklich schade gewesen um die prächtig bunte und mit afrikanischen Motiven bestickte Tunika aus reiner Wildseide, die ich diesem schlitzohrigen Händler auf dem überfüllten Basar mitten in Lagos abgekauft habe. Nach stundenlangem Feilschen habe ich immer noch ein Schweinegeld für den Fummel bezahlt. Aber ich wollte schließlich nicht dafür verantwortlich sein, dass seine vielen Kinder Hunger leiden müssen. Lang und breit hat er mir erklärt, es bringe Unglück, die genaue Anzahl seiner Kinder zu nennen. Was für ein Land …

 

Feiner Platz, hier in der Bonzenklasse. Jede Menge Beinfreiheit, Essen auf Tellern und nicht in der Plastikschale, und sogar Rotwein gibt es dazu. Ein wenig Gerechtigkeit nach diesen beschissenen Tagen in dieser entsetzlichen Stadt, in die ich nie wieder einen Fuß setzen werde.

 

Leider sitze ich nun ausgerechnet neben dem maulfaulsten und verpenntesten Mann im ganzen Flieger. Aber solche Typen, die nur auf Show machen, kann ich sowieso nicht ausstehen. Er hat Geld, und zwar nicht zu knapp, und jeder soll es sehen. Der hellgraue Anzug ist nicht von der Stange, ich tippe auf ein französisches Designerlabel. Ob das Steinchen, das da an seinem Ohrläppchen glitzert, ein echter Brilli ist?

 

Doch obwohl er ein Angeber ist, irgendwas hat er an sich …

 

Ich lehne mich zur Seite, atme seinen Geruch ein. Er riecht nach Zigarettenrauch, doch darunter erahne ich etwas von seinem Eau de Toilette. Ein erdiges, vermutlich schweineteures Männerparfüm, mit einer Note von Amber. Das mausgraue Hemd passt absolut nicht zu seinem restlichen Outfit. Viel zu blass, viel zu sehr Ton in Ton. Er hat keinen Mut zu Farben. Dabei würde ein knalliges Rot oder sattes Lila wunderbar zu seinen blonden Haaren passen. Ob er im Bett auch so fad ist?

 

Was denkst du denn schon wieder, Lindalein?

 

Ein Blick aus dem Fenster. Alles, was ich sehe, ist dieser endlos blaue Himmel. Der Typ versperrt mir die Sicht auf das sandige, trostlose Land dort unten. Mit jedem Kilometer mehr zwischen mir und dem Chaos in Lagos geht es mir besser. Vermutlich ist der Rest von Nigeria ja wirklich so ursprünglich und betörend schön, wie mein Reiseführer behauptet. Aber Lagos ist definitiv zu heiß, zu feucht, zu laut und viel zu überfüllt, sobald man auch nur einen Schritt über die Schwelle des Hotels setzt. Und jeder zieht einem das Geld aus der Tasche, wo er nur kann. Jeder.

 

Noch einmal atme ich den erdig-rauchigen Duft meines tief schlafenden Sitznachbarn ein, lehne mich dann in meinen Sessel zurück, höre ihn leise schnarchen, denke an Vivian. Nein, an die will ich auch nicht denken. Und an George erst recht nicht. Auch die Probleme, die zu Hause auf mich warten, blende ich erst mal komplett aus. Die kommen noch früh genug …

 

Ich zwinge mich, an etwas Schönes zu denken. Das Klappern von Pferdehufen, der Rausch der Geschwindigkeit, wenn ich im Galopp über saftig grüne Wiesen jage, Sonne auf meiner Haut. Männerlachen, laszive Blicke, Sekt, der prickelnd durch die Kehle perlt, Berührungen, heiß und erregend. Ohne es wollen, höre ich Georges schnellen Atem, fühle ihn schon wieder auf mir, lausche seinen Versprechungen, die so verführerisch und betrügerisch sind wie sein fremdes, heißes Land, sehe ihn in dieser innigen Umarmung, in der sich ihre Leiber aneinanderpressen …

 

Schnitt!

 

Aus!

 

Weg mit den verdammten Erinnerungen!

 

Schnitt, ein für allemal.

 

Wieder male mir ich mir aus, was ich den beiden antun werde, wenn es an der Zeit ist. Für George wäre ein Schuss in den Kopf genau das Richtige. Schnell, sauber und begleitet von einem eiskalten Blick in seine herrlich dunklen Augen. Für Vivian lasse ich mir etwas einfallen, das länger dauert. Das richtig weh tut. Sie muss weinen, schreien, leiden. Mich um Gnade anflehen, bis zum Schluss. Mir schwebt so etwas wie ein elektrischer Stuhl mit verstellbarer Stromstärke vor. Aber vielleicht fällt mir ja noch was Gemeineres ein.

 

 

 

Göttingen

 

Zum Teufel, was soll ich nur tun?

 

Die Alte hinter mir ist verstummt. Hat vielleicht gespürt, dass mir ein mörderischer Schrecken in die Knochen gefahren ist.

 

Was kann ich tun?

 

Tom anrufen und warnen?

 

Dafür ist es zu spät. Inzwischen steht sie bestimmt schon vor seiner Wohnungstür, dieses Miststück namens Belinda Marie. Und wahrscheinlich ist sie nicht allein.

 

Hinaufgehen und ihm zu Hilfe kommen? Immerhin habe ich den Revolver. Und ich kann Tom nicht einfach im Stich lassen. Klar, er ist ein verkiffter Volltrottel, aber er hat mich bei sich schlafen lassen und seine letzten Kekse mit mir geteilt, und ich …

 

Ich habe Angst. Eine verdammte Scheißangst habe ich. Schon höre ich wieder die Schüsse knallen, die Kugeln um meine Ohren pfeifen, fühle die schlanke Joggerin tot in meine Arme fallen.

 

»Hallo?«, fragt die Alte nun doch. »Isch irgendwasch nich in Ordnung?«

 

Nein, gar nichts ist in Ordnung. Kommentarlos verlasse ich den Kiosk, überquere mit zügigen Schritten das Sträßchen, stoße die Haustür auf, die offenbar niemals abgeschlossen ist, und steige, die Tüten mit meinen Einkäufen trotz höllischer Schmerzen in der linken Hand, damit ich die rechte im Notfall frei habe, die erbärmlich knarrenden Treppen hinauf. Irgendwo plärrt ein Radio. Freddie Mercury besingt Barcelona im Duett mit Montserrat Caballe. Einen Stock höher hat sich ein Paar in der Wolle. Nicht nur verbal. Es scheppert und kracht in schöner Regelmäßigkeit. Einmal schreit die Frau auf. Kurz darauf der Kerl. Sie gibt ihm Kontra.

 

Noch ein Stockwerk.

 

Oben ist es still. Beunruhigend still.

 

Noch ein halbes.

 

Ich habe weiche Knie. Meine Hände sind nicht feucht, sondern klatschnass.

 

Jetzt bin ich vor Toms Tür. Innen nichts als Stille. Dann doch Schritte. Männerschritte, würde ich sagen, sehr leise, sehr verhalten. Kurzes, murmelndes Gespräch. Sie sind also mindestens zu zweit. Und sie warten auf mich. Tom haben sie vermutlich außer Gefecht gesetzt. Oder er ist mit seiner Schnapsflasche im Arm eingepennt und weiß noch nicht mal, dass er Besuch hat.

 

Wenn ich mich einfach verstecke? Bis sie irgendwann unverrichteter Dinge wieder abziehen, nachdem sie lange genug gewartet haben? Aber die da drinnen geben nicht so schnell auf. Für zwölf Millionen kann man schon mal ein, zwei Stündchen investieren.

 

Ich könnte auch einfach die klapprige Tür eintreten und …

 

Und mich eine Sekunde später von zwei eiskalten Profikillern mit Kugeln durchlöchern lassen.

 

Da! Ein Schrei! Tom! Er plärrt und jammert und bettelt. Vermutlich haben sie ihn gefesselt und sind noch nicht dazu gekommen, ihm einen Knebel zu verpassen.

 

Jetzt klingt es, als würde er ein paar Ohrfeigen kassieren, und sein Gequengel wird sehr viel leiser.

 

Wieder höre ich Schritte von innen. Lauter diesmal, entschiedener.

 

Sie kommen näher, diese Schritte.

 

Wissen die da drinnen etwa schon, dass ich wie das Denkmal des unbekannten Idioten vor der Tür stehe? Fliegen gleich Kugeln durchs Holz?

 

Wenn ich die Treppe hinunterlaufe, werden sie mich hören. Und unmittelbar danach auch sehen. Außerdem ist es genau das, was sie erwarten: Dass ich auf der Treppe bin.

 

Also besser die andere Richtung? Der Dachboden?

 

Dort hinauf führt eine schmale, steile Stiege. Oben eine graue Tür, die einen Spalt offen steht.

 

Bevor ich zu Ende überlegt habe, bin ich schon oben und habe die Tür halbwegs leise hinter mir ins Schloss gedrückt. Netterweise hat Tom genau in dem Moment, als ich die Treppe hinauf bin, wieder zu schreien begonnen. Jetzt ist er wieder still. Ich lausche, höre jedoch nichts als meinen dröhnenden Puls.

 

Vorsichtig stelle ich meine Einkäufe an einen aus Backsteinen gemauerten Kamin und sehe mich um. Wohin ich blicke: Dreck, Staub, Ruß, Türme von Gerümpel und Taubenscheiße. Der Dachboden ist nicht unterteilt, nimmt die gesamte Fläche des Hauses sein. Die Tauben sind ausgeflogen.

 

Womit kann ich die nicht allzu stabil aussehende Tür verrammeln? Nach kurzem, fast lautlosem Suchen finde ich einen etwa zwei Meter langen Balken, den ich so zwischen den Kamin und die Klinke klemme, dass der Zugang zu meinem Versteck blockiert ist. Damit werden sie im Fall des Falles für einige Sekunden zu tun haben, und ich kann durch die Tür auf sie schießen.

 

In einem anderen Sperrmüllhaufen finde ich außerdem einen Klappstuhl, der aussieht, als würde er nicht gleich zusammenbrechen, wenn ich mich draufsetze. Leise stelle ich ihn neben den Kamin, sodass ich die Tür vor mir habe, lege den Revolver in meinen Schoß. Der Stuhl ist sogar halbwegs bequem. Vor meinen Augen kreisen Sternchen. Aber mein Atem beruhigt sich allmählich, der Puls ebenfalls. Unter mir ist jetzt nur noch Stille.

 

Grabesstille.

 

Himmel, das Handy!

 

Hastig zerre ich es aus der Gesäßtasche meiner ramponierten Jeans, um ein Haar fällt dabei der Revolver zu Boden, und stelle es auf lautlos. Das hätte noch gefehlt, dass dieses dämliche Ding mich verrät. Wo ist eigentlich das Ladegerät? Der Akku dieses Mistdings ist schon wieder im letzten Viertel. Im Mietwagen, fällt mir nach einigem Grübeln ein. Na super, das ist genau das, was ich jetzt brauche! Dass diese kreuzdämlichen Smartphones aber auch ständig nach einer Steckdose verlangen! Ich schalte alles aus, was ich im Moment nicht brauche: GPS, Internet, ein paar Apps, die ich nur zum Spaß heruntergeladen habe, stecke das Handy wieder ein, setze mich aufrecht hin.

 

Ich muss überlegen.

 

Ich muss darüber nachdenken, wie ich Tom helfen kann.

 

Und wie ich nebenbei meine eigene Haut rette.

 

Tom wollen die beiden Gangster da unten nichts tun. Er ist für die nur Mittel zum Zweck.

 

Sie wollen mich. Beziehungsweise das, was in der Innentasche meines Jacketts steckt.

 

Was haben sie mit Tom angestellt, dass er auf einmal so ruhig ist? Ihn nun doch geknebelt? Ihm mit einem Handgriff das Genick gebrochen, wie es solche Killertypen gerne machen? Ihn einfach abgeknallt, ohne dass ich es mitgekriegt  habe? Es gibt ja so was wie Schalldämpfer. Es gibt nette Tricks mit Kissen, die man dem Delinquenten an den Kopf hält, bevor man abdrückt …

 

Mir ist zum Heulen und zum Kotzen, die Schmerzen im Arm habe ich vor Schreck und Angst beinahe vergessen, und gleichzeitig knurrt idiotischerweise schon wieder mein Magen. Außerdem lechze ich nach einer Zigarette, wage aber nicht, mir eine anzuzünden.

 

Stattdessen nehme ich eine der Tüten auf den Schoß. Trinke frische, kühle Milch aus der Flasche. Milch, die kein bisschen nach Afrika riecht. Würge ein trockenes Brötchen herunter, das gar nicht mal so übel schmeckt. Das im Gegenteil sogar außerordentlich gut schmeckt. Ich öffne die Packung mit dem aufgeschnittenen Emmentaler, reiße das schon halb vertilgte Brötchen auf, stopfe zwei Käsescheiben hinein. Jetzt schmeckt es sogar noch besser.

 

 

 

Köln

 

»Laut unseren Unterlagen haben Sie gestern auf dem Flug LH 569 neben Dr. Kühne gesessen«, sagt Herr Duvenkamp streng. »Und in Frankfurt ist er zu Ihnen ins Taxi gestiegen und hat Sie am Bahnhof aussteigen lassen.«

 In dieser Sekunde fällt mir die Radiomeldung wieder ein, die ich vorhin nur mit halbem Ohr gehört habe. Die Meldung von der Toten in Sachsenhausen und dem weißen Burberry. Sollte Mister Rolex, der nun endlich einen Namen hat, etwa diese Joggerin erschossen haben?

 Aber woher weiß Mister Spock das alles? Im Zug war er, da bin ich sicher. Aber ich kann mich nicht erinnern, ihn auch im Flugzeug gesehen zu haben.

 Das Guckloch an der Tür gegenüber verdunkelt sich. Fräulein Westermann vertreibt sich wieder einmal die Zeit damit, ihre Nachbarn auszuspionieren. Um ihr nicht allzu viel Gesprächsstoff zu verschaffen, bitte ich meinen unerwarteten Besucher herein. Im letzten Moment quetschen sich Floh und Rosamunde durch den Türspalt. Vermutlich kommen sie von einem Streifzug durch den Park, die Hintertür zum Innenhof ist tagsüber immer nur angelehnt. Jetzt ist mir klar, warum Frau Lievens Hund sich vorhin gar nicht mehr beruhigen wollte.

 »Worüber haben Sie und Dr. Kühne gesprochen?«, fragt Duvenkamp, als ich ihn durch meine kleine Diele führe. Er riecht nach einem aufdringlichen Aftershave und zu wenig Deodorant.

 »Small Talk, sonst nichts.«

 Mir fällt auf, dass er meine Einrichtung akribisch mustert. Den aus dem 17. Jahrhundert stammenden, zu einem Schuhschrank umfunktionierten Südtiroler Bauernschrank, den Berg aus Sandalen und Stiefeletten vor dem zimmerhohen Spiegel, die Tür zum Schlafzimmer, die nur angelehnt ist. Schnell ziehe ich sie zu und stoße die andere, die zum Wohnraum auf.

 Das Fenster steht noch immer offen, ein frischer Luftzug weht herein. Auf dem Sideboard aus Tropenholz türmt sich das schmutzige Frühstücksgeschirr, auf dem Bambustisch liegen noch immer die Visitenkarten und das aufgeklappte Notebook. Immerhin habe ich schon die Wurstreste und den überreifen Limburger in den Kühlschrank geräumt. Sein strenger Geruch hängt noch in der Luft.

 Duvenkamps Blick bleibt am Bildschirm des Notebooks hängen, auf dem die Internetseite der Jobbörse zu sehen ist.

 »Sie haben fast fünf Stunden mit Dr. Kühne verbracht und wollen mir weismachen, Sie hätten nur belangloses Zeug mit ihm geredet?«, fragt er barsch.

 Floh und Rosamunde springen auf das Samtsofa mit Leopardenmuster. Ich setze mich zwischen meine wankelmütigen Katzenmitbewohner, die sich nun an mich kuscheln und so einträchtig schnurren, als hätte es nie atmosphärische Störungen zwischen uns gegeben. Widerwillig deute ich auf den gestreiften, wurmstichigen Polstersessel gegenüber, den zu restaurieren ich bisher nicht geschafft habe.

 Mein Besucher lässt sich darauf nieder, schlägt ein Bein übers andere und betrachtet mich mit unverhohlen argwöhnischem Blick.

 »Herr Kühne hatte kein Interesse an einer Unterhaltung«, erkläre ich. »Er hat die meiste Zeit geschlafen, und wenn er ausnahmsweise mal wach war, war er sehr zugeknöpft.«

 »Aber er hat Ihnen doch sicher gesagt, welches Ziel er nach der Ankunft in Frankfurt hatte?«

 »Hat er nicht.«

 »Können Sie sich an irgendeinen Namen erinnern oder an eine Stadt, in die er wollte?«

 Es wäre noch Kaffee da, in der burgunderroten Thermoskanne. Aber ich biete meinem seltsamen Gast keinen an. Ich fühle mich unwohl in seiner Gegenwart und hoffe, dass er bald wieder abzieht. Wovon mein Sitznachbar im Flugzeug im Schlaf gesprochen hat und dass er eine Verletzung am linken Arm hatte, lasse ich unerwähnt. Ich erzähle dem angeblichen Zollfahnder lediglich, dass Dr. Kühne in Frankfurt in einem Hotel übernachten wollte, dessen Namen er mir aber nicht nannte. Doch das scheint ihm nicht neu zu sein.

 »Hören Sie, wenn Sie schon so viel über Herrn Kühne wissen – wieso wenden Sie sich nicht direkt an ihn?«

 »Die Fragen stelle ich, meine liebe Frau Wanzl.«

 Meine liebe Frau Wanzl. Der Einzige, der mich je so nennen durfte, war Direktor Dr. Kuno Ahrens, mein Chef im Völkerkundemuseum, wenn er mir klarmachen wollte, dass ich beim Katalogisieren wieder mal Mist gebaut hatte. Und selbst dem habe ich es tagelang übel genommen.

 »Hat Dr. Kühne Ihnen während des Flugs etwas übergeben? Oder später im Taxi?«

»Nur sein Mittagessen im Flieger, und das habe ich komplett aufgegessen. War übrigens sehr lecker.« Kampfeslustig blitze ich ihn an. Auch dass Andreas Kühne – ein Doktor wie ich, wer hätte das gedacht – mir später einen Hunderter geschenkt hat, geht ihn nichts an. »Was hätte er mir denn geben sollen?«, will ich wissen, als er nur misstrauisch zurückglotzt.

 Duvenkamps Kinnmuskeln zucken. Aber er reißt sich am Riemen und verkneift sich eine weitere dumme Zurechtweisung.

 »Er hat nicht so ausgesehen, als hätte er es nötig, Drogen zu schmuggeln.«

 »Es geht hier nicht um Drogen, meine liebe Frau Wanzl.«

 Schon wieder!

 »Worum dann?«, frage ich eisig.

 »Das entzieht sich leider meiner Kenntnis. Mir liegt lediglich ein Amtshilfeersuchen von meinen Kollegen in Frankfurt vor, und …«

 Mister Spock lügt. Er weiß ganz genau, was Andreas Kühne mir hätte übergeben sollen. Auch Rosamunde spürt, dass die Luft allmählich dicker wird. Sie schnurrt nicht mehr, sondern starrt den falschen Zollbeamten an wie eine Sphinx. Floh hingegen hat sich zusammengerollt und pennt. Typisch Mann.

 »Wie kommen Sie eigentlich auf die absurde Idee, ich würde von wildfremden Männern etwas annehmen?«

 »Sie scheinen auf Arbeitssuche zu sein«, sagt Mister Spock mit Blick auf mein Notebook. »Hat Dr. Kühne Ihnen vielleicht Geld angeboten, damit Sie etwas für ihn aufbewahren?«

 Er spricht mit rheinischem Akzent, und seit ich in Köln lebe, kann ich die Rheinländer nicht mehr ausstehen.

 »Haben Sie mich deshalb gestern Abend verfolgt?« Ich richte mich auf, rutsche bis zur Sofakante vor und sehe ihm direkt in die eisblauen Augen. »Im Zug und später in der U-Bahn?«

 Nun ist er so überrascht, dass er im ersten Moment nicht weiß, was er sagen soll. Hat wohl gedacht, ich hätte ihn nicht bemerkt. Dann steht er ruckartig auf, dreht sich langsam um die eigene Achse, nimmt alles so genau in Augenschein, als müsste er abschätzen, wo ich dieses ominöse Etwas versteckt haben könnte, wenn Andreas Kühne es mir gegeben hätte. Vielleicht in der Nussbaumholzkommode vom Trödler in Kopenhagen, die ich in mühseliger Kleinarbeit in ein Schmuckstück verwandelt habe? Oder im Ebenholzschrein aus Indien, in dem der Fernseher schlummert?

 Als Duvenkamp ohne zu fragen den Deckel des original britischen Reisekoffers öffnet, 18. Jahrhundert, sehe ich, dass sich unter seinem senffarbenen Jackett eine Waffe abzeichnet.

 »He, das dürfen Sie nicht!«, rufe ich scharf und schieße in die Höhe. »Oder haben Sie etwa einen Durchsuchungsbeschluss? Zeigen Sie mir doch bitte noch mal Ihren Ausweis.«

 Drohend baut er sich vor mir auf. Dummerweise ist er noch um einiges muskulöser, als ich dachte. Durch das eng anliegende T-Shirt zeichnet sich sein Sixpack ab, das vermutlich kostspielige Jackett spannt an den Schultern. Auch seine beeindruckenden Oberschenkelmuskeln sind unter den schmal geschnittenen Jeans deutlich zu erkennen.

 »Was ist in dem anderen Zimmer?«, knurrt er mich an. »Warum haben Sie vorhin die Tür zugemacht, als Sie mich hereingeführt haben? Was verstecken Sie dort?«

 Meine Hände werden feucht. Nein, ich werde ihm ganz gewiss nicht verraten, was sich im Schlafzimmer befindet. Mit meinem neuesten Bild – Mordfantasien für George und Vivian in Öl und leuchtendem Blutrot – habe ich gleich nach Evas Abgang begonnen. Deshalb habe ich das Frühstücksgeschirr nur auf das Sideboard gestellt und die Visitenkarten auf dem Tisch liegen lassen, bevor ich meinem Pflichtgefühl dann doch nachgegeben und das Notebook aufgeklappt habe.

 »Ich schlage vor, Sie zeigen mir jetzt Ihren Ausweis«, blaffe ich ihn an. »Und selbst wenn es sich um einen echten Ausweis von der Zollfahndung handeln sollte, was ich nicht glaube, haben Sie nicht das Recht, in meiner Wohnung herumzuschnüffeln und …«

 Langsam schiebt sich seine Rechte unter das Jackett. Dorthin, wo die Waffe steckt. Den Abmessungen nach zu urteilen ein großes Kaliber.  Ich atme tief und konzentriert, mache einen blitzschnellen Schritt auf ihn zu, hebe den linken Arm, während der rechte schon in sein Gesicht fährt. Duvenkamp zuckt zurück, die Miene plötzlich voller Schmerz und Fragezeichen. Er versucht, sich gegen meine Schläge und Tritte abzuschirmen, die plötzlich abwechselnd gegen seinen Kopf und in seine Weichteile donnern. Es geht so schnell, dass er nicht reagieren kann. Als mein linker Fuß seine Eier trifft, schreit er auf wie ein misshandeltes Baby und krümmt sich vor Schmerz. Blitzschnell gehe ich in die Hocke, heble ihn aus, schon liegt er keuchend und blutend auf meinem hübsch gemusterten Kelim aus Marokko, der Bambustisch kippt um, meine schönen neuen Visitenkarten und alles, was sonst noch darauf lag, fliegt durch die Gegend.

 Körperlich ist Duvenkamp mir zwar weit überlegen, jetzt aber aufgrund seiner grenzenlosen Überraschung eindeutig im Nachteil. Einige Schläge und Augenblicke später halte ich seine Waffe in der Hand, eine schwere Pistole, lade sie durch, entsichere sie, nehme die zweite Hand zu Hilfe und ziele auf seine Stirn.

 »Verschwinden Sie!«, fauche ich den verdatterten Kerl an, der mich vom Boden her mit so fassungsloser Miene anstarrt, als wäre das Christkindl höchstpersönlich über ihn hergefallen. »Und wenn Sie jemals wieder einen Fuß über meine Türschwelle setzen, dann knalle ich Sie ab, verstanden?«

 Mühsam, das Gesicht schmerzverzerrt, rappelt er sich hoch und fasst zum wiederholten Male in sein Jackett. Aber da ist jetzt nichts mehr. Ich bleibe breitbeinig stehen, in sicherer Entfernung, und halte mit beiden Händen seine Waffe umklammert, während er rückwärts in Richtung Zimmertür stolpert. Floh ist inzwischen aus seinem Tiefschlaf erwacht und springt fauchend auf den Fliehenden zu. Rosamunde thront auf dem Sofa, noch immer die Ruhe selbst, aber mit eindeutig drohendem Blick.

 Der Mann, der mit Sicherheit nicht Duvenkamp heißt, versetzt Floh einen Fußtritt. Doch der gestreifte Kater hat verstanden, dass sein Frauchen es ernst meint, und geht jetzt wirklich zum Angriff über. Rosamunde erwacht aus ihrer majestätischen Starre und springt ihm bei.

 Der angebliche Zollfahnder weicht immer weiter zurück, wischt sich über das blutende Kinn und versucht erfolglos, die Angriffe der Katzenkrallen abzuwehren. In seinem Blick spiegeln sich Überraschung, Wut, sogar Panik. Sein Auftraggeber wird nicht begeistert sein, wenn der aus der Übung geratene Fitnesstrainer ohne das zurückkommt, was noch immer in Andreas Kühnes Besitz sein muss. Wenn es keine Drogen sind – was ist es dann?

 Mein ramponierter Besucher erreicht die Diele. Ich folge ihm, die Waffe weiter im Anschlag. Am Ende überlegt er es sich im letzten Moment anders und verschanzt sich in meinem Schlafzimmer oder im Bad. Hin und wieder flackert sein Blick, als würde er überlegen, ob er es wagen könne, sich doch noch auf mich zu werfen. Aber meine entschlossene Miene, die entsicherte Waffe, die klaren, sparsamen Bewegungen meines Körpers und meine mutigen Katzenkrieger scheinen ihn davon zu überzeugen, dass Rückzug die bessere Lösung ist.

 Fast stolpert der verstörte Typ über das Durcheinander aus Schuhen und Stiefeln, hält sich aber auf den Beinen und erreicht die Wohnungstür. Es dauert einige Augenblicke, bis er es schafft, sie zu öffnen. Zwei Sekunden später höre ich ihn die Treppe hinabpoltern.

 Ich knalle die Tür ins Schloss, schiebe den Riegel vor, sperre zweimal ab, dann sause ich zurück in den Wohnraum. Jeden Augenblick muss Duvenkamp oder wie immer er heißen mag unten auftauchen. Ich trete ans Fenster, bleibe aber sicherheitshalber hinter dem Vorhang.

 Er lässt mich einige Sekunden warten. Aber schließlich erscheint er doch auf dem Bürgersteig, das Handy schon am Ohr. Ohne nach links oder rechts zu gucken, rempelt er einen alten Mann an, der ein Bein nachzieht und seinen Hund an der Leine führt. Der Alte gerät ins Wanken, kann sich aber gerade noch auf seinen Gehstock stützen. Der Hund bellt empört. Duvenkamp würdigt ihn keines Blickes. Ein Lieferwagen rumpelt vorbei und hält zwanzig Meter weiter vor Tines Bücherladen. Eine neue Lieferung Lesefutter. Duvenkamp telefoniert immer noch.

 Zu gerne würde ich hören, was sein Boss dazu sagt, dass er gerade von einer Literaturwissenschaftlerin verprügelt und mit seiner eigenen Waffe bedroht wurde. Ein Hoch auf Jo, den Menschen, der mir solche Dinge beigebracht hat!

 

 

Lagos

 

 

Unbarmherzig brannte die Mittagssonne auf Eileen herab. Mit jedem Schritt, den sie tat, rann ihr noch mehr Schweiß den Rücken hinunter. Der fast stürmische, heiße Wind, der ungebremst vom Atlantik landeinwärts wehte, brachte keine Kühlung.

 

Dennoch zog sie die Gluthitze hier am Strand dem angenehm klimatisierten Bistro am Ahmadu Bello Way vor, in dem sie sonst ihre Mittagspause verbrachte. Das Gedränge der vielen Leute – meist Mitarbeiter der auf VI ansässigen Firmen, Banken und Konsulate, die ihre Sandwiches verspeisten und den neuesten Büroklatsch austauschten – konnte sie heute nicht ertragen. Heute wollte, nein, heute musste sie alleine sein. Sie musste nachdenken.

 

Am Strand waren nur wenige Menschen. In der Ferne zwei, drei Kinder, die vergessenes Plastikspielzeug oder irgendwelches Gerümpel einsammelten, um es irgendwo zu ein bisschen Geld zu machen. Vereinzelte Sonnenanbeterinnen in freizügigen Bikinis. Händler, die den Touristinnen aus Europa ihre überteuerten, für deren Verhältnisse aber spottbilligen Strandtücher, Perlenketten und sonstigen Flitterkram aufzudrängen versuchten.

 

Eileen sah den sich wenige Meter vor dem Ufer brechenden Wogen zu, Gischt spritzte, die Brandung brauste und brüllte. Mit nackten Füßen schritt sie an der Wasserlinie entlang. Die Oscar-de-la-Renta-Sandalen aus karmesinrot gefärbtem Kalbsleder baumelten an ihrer Hand. Immer, wenn wieder eine auslaufende Welle über ihre Zehen schwappte und ihr den Sand unter den Fußsohlen wegzog, verlor sie für einen winzigen Moment den Halt. Jedes Mal erweckte der nächste Schritt in ihr die Illusion, nun für immer festen Boden unter den Füßen zu haben. Doch schon rauschte die nächste Welle heran und belehrte sie eines Besseren.

 

In ihrem Inneren herrschte derselbe Aufruhr, dieselbe Ernüchterung, weil alles Hoffen am Ende doch nur vergebens war.

 

Sie dachte an Marc und Benoît, an Steven und seine Frage zu Frieder, die sie vielleicht doch wahrheitsgemäß hätte beantworten sollen. Doch sie wollte Steven nichts von den jüngsten Vorkommnissen erzählen, nahm sich vor, stattdessen Maurice darauf anzusprechen. Seufzend schob sie den Gedanken zur Seite, dachte an Mary, Oluwafemis jüngste Tochter. Seit Wochen hatte Eileen das kleine Luder nicht mehr gesehen. Weil sie selbst jede Begegnung vermieden hatte. Und sie dachte auch an Nigel Faraday, den sie trotz vieler Versuche – allein heute hatte sie schon viermal seine Handynummer gewählt – bisher nicht erreicht hatte.

 

Weit draußen auf dem Meer, jenseits der wagemutigen Surfer, denen der Wind nicht stark, die Wellen nicht hoch genug sein konnten, glitt eine der glänzend weißen Nobelyachten vorbei, die man an der Küste so oft zu sehen bekam. Eine Party war in vollem Gange. Die stampfende Rockmusik und das Lärmen und Lachen der luxuriös gekleideten Gäste, die an Deck mit Champagner und gewiss auch Hochprozentigerem anstießen, waren trotz der tosenden Naturgewalten sogar hier am Stand noch zu hören. Die Menschen dort wirkten so herrlich unbeschwert. Niemand schien an das Morgen zu denken. An den Preis, den das Schicksal unbarmherzig für jeden Leichtsinn einforderte, für jede noch so kleine Unvernunft.

 

Seufzend zog Eileen das iPhone aus ihrer mit Fransen und Goldnieten verzierten Gucci-Handtasche und warf einen Blick darauf. Ihre Mittagspause war bald zu Ende. Sie machte kehrt und tippte auf die Wahlwiederholung.

 

 

Sie wollen mich. Beziehungsweise das, was in der Innentasche meines Jacketts steckt.

 

Was haben sie mit Tom angestellt, dass er auf einmal so ruhig ist? Ihn nun doch geknebelt? Ihm mit einem Handgriff das Genick gebrochen, wie es solche Killertypen gerne machen? Ihn einfach abgeknallt, ohne dass ich es mitgekriegt  habe? Es gibt ja so was wie Schalldämpfer. Es gibt nette Tricks mit Kissen, die man dem Delinquenten an den Kopf hält, bevor man abdrückt …

 

Mir ist zum Heulen und zum Kotzen, die Schmerzen im Arm habe ich vor Schreck und Angst beinahe vergessen, und gleichzeitig knurrt idiotischerweise schon wieder mein Magen. Außerdem lechze ich nach einer Zigarette, wage aber nicht, mir eine anzuzünden.

 

Stattdessen nehme ich eine der Tüten auf den Schoß. Trinke frische, kühle Milch aus der Flasche. Milch, die kein bisschen nach Afrika riecht. Würge ein trockenes Brötchen herunter, das gar nicht mal so übel schmeckt. Das im Gegenteil sogar außerordentlich gut schmeckt. Ich öffne die Packung mit dem aufgeschnittenen Emmentaler, reiße das schon halb vertilgte Brötchen auf, stopfe zwei Käsescheiben hinein. Jetzt schmeckt es sogar noch besser.

 

 

 

Im Münsterland

 

Jo holt noch eine doppelläufige Schrotflinte aus dem alten Bauernschrank im Flur, drückt sie mir in die Hand.

 

»Die nimmst du«, sagt sie und streichelt das Ding so liebevoll, als hätte sie es selbst zur Welt gebracht. »Damit triffst du irgendwie immer. Ich nehme an, du bist nicht besonders gut im Schießen?«

 

»Im Schießen bin ich sehr gut«, widerspreche ich gekränkt. »Nur mit dem Treffen hapert es manchmal ein bisschen.«

 

Sie drückt mir die Flinte in die Hand und marschiert los, ohne sich weiter um mich zu kümmern. Als wir mit unserer Ausrüstung ins Freie treten, läuft der Diesel schon halbwegs rund, hat sich ausgehustet. Wir packen Waffen und Munition auf den Rücksitz. Jo breitet so sorgfältig eine karierte Decke darüber, als hätte sie Angst, die Dinger könnten sich erkälten. Gemeinsam füllen wir das Heizöl in den Tank, wobei einiges danebengeht. Jo hat zwar irgendwo einen großen Trichter, behauptet sie, weiß jedoch nicht, wo sie auf die Schnelle danach suchen soll. Auch sie ist jetzt nervös, gibt sich viel Mühe, es zu verbergen.

Seit einer Ewigkeit sind wir schon unterwegs. Jo fährt fast noch krimineller als ihre Nichte. Vor allem fährt sie nicht auf Straßen, sondern praktisch nur auf mehr oder weniger gut in Stand gehaltenen Feld- und Waldwegen. Der Jeep bockt und springt, hat zum Glück Vierradantrieb, und seine Federung ist für solche Torturen ausgelegt.

 

Ich nicht.

 

Jo fährt fast die ganze Zeit ohne Licht, scheint die Landkarte im Kopf zu haben. Der Halbmond ist mal links, mal rechts, mal hinter uns. Irgendwann wird der Weg endlich besser, die Elefantentritte in meinen Hintern hören auf. Inzwischen spüre ich auch meinen Arm wieder, der das Gerüttel und Geschaukel übel nimmt.

 

»Übrigens«, sagt Jo in die Stille zwischen uns hinein. »Ich bin nie aktives RAF-Mitglied gewesen, höchstens Sympathisantin. Nie habe ich eine Waffe angerührt oder mir sonst etwas Schlimmes zuschulden kommen lassen.«

 

Und obwohl sie mir kein Sterbenswörtchen davon erzählen wollte, woher die vielen Waffen in unserem Gepäck stammen, erzählt sie nun doch munter drauf los. Hin und wieder hatten merkwürdige Gestalten bei ihr übernachtet, und eines Morgens stand ein alter Lieferwagen verlassen auf ihrem Hof. Den hatten ihre Übernachtungsgäste einfach stehen lassen, als sie sich mitten in der Nacht aus dem Staub machten, auf der Durchreise von Holland nach irgendwo.

 

»Aber in der klapprigen Kiste war kein Shit.« Zum hundertsten Mal schiebt sie die Brille nach oben, die ihr von dem Gerüttel ständig auf die Nasenspitze rutscht. »Den Lieferwagen habe ich später einem Franzosen verkauft, und die Waffen im Keller versteckt. Man weiß ja schließlich nie, wofür man sowas mal brauchen kann.«

 

Jo geht vom Gas, fährt mit Standgas noch einige hundert Meter eine im Mondlicht weiß schimmernde Piste entlang, und dann stellt sie den Motor ab.

 

»Von hier sind es nur noch drei-, vierhundert Meter«, erklärt sie mir. Jetzt erst fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, mir die Funktionsweise der Schrotflinte zu zeigen. Mit meiner zweiten Waffe, Toms Revolver, kann ich ja schon umgehen.

 

Am Abend hat sie noch zweimal mit Hubert telefoniert, dem Jäger mit dem verstorbenen Hund. Erst beim zweiten Mal war er sich sicher, dass die Entführer sich in der alten Mühle versteckt hielten. Den Lieferwagen hatte er zwar nicht gesehen, dafür in der Abenddämmerung hin und wieder Licht in dem halb zusammengefallenen Gebäude. Außerdem war Rauch aus dem Kamin gekommen. Er hat Jo sogar Handyfotos geschickt sowie einen von Hand gezeichneten Lageplan, den sie jedoch kaum ansah, da sie sich hier angeblich besser auskennt als in den Taschen ihrer ausgebeulten Cordhose.

 

In der Nähe gluckert und murmelt der Gallenbach.

 

Jo demonstriert mir, wie die Flinte zu laden ist, lässt mich die Handgriffe wiederholen, nochmal und nochmal, am Ende mit geschlossenen Augen.

 

»In den Patronen ist Sauschrot«, sagt sie, als sie mir eine ihrer abgelegten Handtaschen voller Patronen umhängt. »Wirkt wir ein Schlag mit dem Vorschlaghammer. Falls du triffst. Aber mit Schrot triffst du immer, wie gesagt. Das ist ja das Gute daran.«

 

Sicherheitshalber zeigt sie mir auch ihre Waffen, führt vor, wie die Magazine zu laden sind.

 

Auch das muss ich üben. Endlich ist sie halbwegs zufrieden mit mir. Für alle Fälle steckt sie auch noch die fünfzehnschüssige Pistole, die Linda in Köln erbeutet hat, in den Bund ihrer Hose, und wir stapfen los. Schon nach wenigen Schritten verlassen wir den mondhellen Fahrweg und schlagen uns ins Unterholz.

 

Ein paar hundert Meter können verdammt weit sein, wenn es Nacht ist. Mehr als einmal stolpere ich über Wurzeln oder herumliegende Äste. Jo stolpert nie. Obwohl sie fast doppelt so alt ist wie ich, bewegt sie sich mit der Sicherheit eines Tieres in seinem Heimatrevier. Irgendwann, ich bin inzwischen ungezählte Male ausgerutscht, hingefallen, habe mich an Büschen gekratzt und mir an niedrig hängenden Ästen den Kopf gestoßen, hebt sie die Hand. Sie selbst hat sich kein einziges Mal den Kopf gestoßen, da sie viel kleiner ist als ich und dieser verfluchte Wald offenbar für sie gemacht ist und nicht für mich.

 

Irgendwo schreit ein Vogel weinerlich. Ich frage mich, ob das ein Käuzchen ist, eine dieser kleinen Eulen, die angeblich den Tod ankündigen. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, aber Mitternacht kann nicht mehr weit sein. Hoffentlich stehen die nicht längst an der Bushaltestelle, um Linda gegen das auszutauschen, was ich noch gar nicht habe.

Ich habe den Mann überhaupt nicht gesehen, der – so Jo – geduckt zum Schuppen gelaufen ist. Der Lieferwagen dagegen ist deutlich zu erkennen, als er ohne Licht aus dem Schuppen gerast kommt, mit heulendem Motor zurückstößt, in Richtung Haus und am Heck plötzlich in Flammen aufgeht, weil Jo den Tank leck geschossen hat. Sie hat ihr Gewehr auf Dauerfeuer gestellt und ballert in wenigen Sekunden zwei Magazine leer. Die da unten müssen denken, die komplette NATO hat ihnen den Krieg erklärt.

 

»Nimm du den Kerl«, zischt sie. »Ich achte auf die Haustür.«

 

Mit Kerl meint sie vermutlich den Fahrer, der in Kürze den brennenden und qualmenden Wagen verlassen wird. Der Lieferwagen fährt immer noch rückwärts, aber nicht mehr so schnell wie eben noch. Immerhin hat er noch so viel Tempo, dass es spektakulär kracht, als er gegen die Hauswand donnert. Ein Teil der Außenmauer stürzt ein, und für einen Moment fürchte ich, die ganze Ruine bricht zusammen und begräbt Linda unter sich.

 

Gehorsam richte ich meine Flinte auf den Punkt, wo der »Kerl« gleich auftauchen muss, und es funktioniert wie im Kino: Die Tür des Lieferwagens schwingt auf, etwas Dunkles hechtet heraus, ich drücke ab, und das Dunkle dort unten beginnt zu brüllen wir ein angestochenes Schwein.

 

»Sauberer Schuss«, meint Jo lakonisch. »Geht doch.«

 

Sie selbst hat im Moment Feuerpause. Dafür schießt jemand anderes. Im Haus hat es geknallt. Und es knallt noch einmal. Und dann ruft Linda, ja, wahrhaftig Linda mit ihrer herrlichen hellen Stimme: »Ich komm raus! Nicht schießen, okay?«

 

»Okay!«, jubelt Jo. »Komm nur, Lindalein. Lauf!«

 

Der Typ aus dem Lieferwagen schreit immer noch. Das ist gut, denn solange er schreit, bin ich kein Mörder.

 

Sekunden später huscht Linda wie ein wildgewordenes Wiesel den Hang zu uns herauf, fällt erst Jo, dann mir um den Hals. Die Rothaarige hat sie mit Panzerband zu einem handlichen Päckchen verschnürt, erzählt sie atemlos, den zweiten Typ angeschossen und bewusstlos geschlagen und ebenfalls gründlich verklebt. Der Dritte brüllt immer noch. Allmählich scheint er leiser zu werden.

 

Wir machen uns auf den Weg zurück.

 

Der Mond sieht jetzt viel schöner aus als bei der Herfahrt, kommt es mir vor. Und Jo fährt auch nicht mehr wie ein Massenmörder auf der Flucht.

 

Erst nach einer Viertelstunde oder so wird mir bewusst, dass Linda mich vorhin – sicherlich ganz ohne Absicht und im Überschwang ihrer Euphorie – auf den Mund geküsst hat.